
Literaturtipp:
Kinder ins Leben begleiten
Autor: Max H. Friedrich
Verlag: öbv & hpt
ISBN: 978-3-7074-0616-0
Preis: ca. € 12,95.-
von Prof. Max Friedrich
Betrachtet man die Erziehungstrends der letzten hundert Jahre, so wechselten autoritärer Erziehungsstil hin zu antiautoritärem, danach folgte der Versuch demokratischer Erziehung, danach war liberale angesagt und schließlich machten sich die Kinder und Jugendlichen selbständig und kreierten den Peer-Group-Stil. Unter diesem versteht man, dass immer jüngere Kinder den Status der Jugendlichen fordern, sich unter einander Lebensrichtlinien geben und gleichsam den Erziehungsverantwortlichen deren Verantwortung aus der
Hand nehmen wollen.
Es ist ein Vorrecht des Kindes das Leben im Sinne des Probehandelns experimentell zu erforschen. Damit ist verbunden bisweilen über die Stränge zu schlagen, Recht von Unrecht auszuloten und auf diesem Wege Grenzen zu suchen und Grenzerfahrungen zu machen.
Erziehung bedeutet das Kind zu lenken und zu führen, ihm die Möglichkeit zu bieten uns Erwachsene zu imitieren. Es gehört dazu das Kind zu beschützen und zu bewahren und trotzdem das Kind kalkulierbaren Gefahren auszusetzen und es muss dem Kind die Möglichkeit geboten werden durch Versuchs-Irrtumslernen den rechten Weg zu finden.
In einer Welt des Medienkonsums und einer Überflussgesellschaft ist es schwer Kindern individuelle Grenzen zu setzen, wo doch die Werbewirtschaft ununterbrochen verspricht, dass "alles möglich" sei. Jedes Kind erliegt von klein an der auf uns einströmenden Werbung, dass alles im Superlativ gelingt. Alles ist austauschbar, erneuerbar, erwerbbar und machbar. Arbeit und Bemühung schwinden, wenn man vorgeführt bekommt wie der Haushalt gleichsam zum Vergnügen wird, wie Lernanstrengung der Vergangenheit angehört und Konsumgüter zur unerschöpfbaren Erwerbsmöglichkeit verkommen.
Die Mühsal des Wissens und Kenntniserwerbs wird für das Kind zur Bagatelle, das Gemüt ist grundsätzlich in der Wahrnehmung auf der heiter beschwingten Seite angesiedelt und die Welt der Sozialisation gleicht einer Welt "man sei everybodys Darling".
Diese glamouröse Welt wiegt die Kinder in Sicherheit und die Eltern in einen Konsum und Sozialstress. Niemand möchte hinter einem anderen nachstehen, Realarmut wird zur Schande oder schöngeredet. Eltern geraten in einen pädagogischen Leistungsdruck der Verwöhnung, Gewährung und Nachgiebigkeit von Seiten der Kinder fordert. Verzicht, Aufschub von Wünschen und Bedürfnisbefriedigung, Arbeitshaltung mit Ausdauer sind in der gegenwärtigen Werteordnung mehr und mehr randständig, schließlich lebt man ja in der I. Welt die dem Götzenmanon huldigt.